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Was muss noch passieren?



Der Fußball entfernt sich weg von seinen Wurzeln. Ein viel zitierter Satz, der keine Momentaufnahme, sondern eine logische Konsequenz jahrzehntelangen Machtmissbrauchs ist. Weltverbände lassen Stadien von Zwangsarbeitern in der Wüste errichten. Dabei sterben Menschen unter miserablen Umständen, nur um ein Turnier zu erschaffen, das Rekorderlöse an die selbsternannte Elite abwerfen soll. Allein diese Tatsache sollte die Halsschlagader zum pochen bringen. Neben dieser Spitze des Eisbergs, die von Profiteuren des Leichenbergs immer wieder verharmlost und schöngeredet wird, dreht sich auch die regionale Kapitalspirale immer weiter. Es werden Reformen beschlossen, die den reichen Klubs mehr Zaster bringen und belanglose Wettbewerbe aus dem Erdboden gestampft, die mehr Spiele und damit mehr Geld zur Folge haben. Es wird still und heimlich ein Plan für eine schleichende Topliga inszeniert und mit Rechtsstreits gedroht, weil man sich nicht einig wird, wer wie viel auf dem Konto haben darf oder soll. Und das alles in Zeiten einer globalen Krise, in welcher die Sonderrolle des Fußballs vehement von Lobbyisten dementiert wird. Das Hygienekonzept sei gut und die Sonderrolle nicht ganz korrekt heißt es, während Woche für Woche Spieler, Trainer oder gar ganze Mannschaften in Quarantäne müssen und kleine Stöpsel nur von einem Mannschaftskick träumen können. Hauptsache der Wirtschaftsapparat bleibt am Laufen! Verkappte Vereine und Funktionäre haben das Sagen im Profifußball, Investoren und Sponsoren gleichzeitig einen deutlicheren Mehrwert im Vergleich zu treuen Stadiongängern. Meinungen und Interessen von Fans, die seit Jahren bei Minusgraden in der Kurve stehen, wollen nicht gehört werden, weil schmierige Mäzene abgekartete Schachzüge bevorzugen, um zwanghaft die Öffentlichkeit für ihre eigenen Zwecke zu täuschen. Eine Übersättigung und Negativschlagzeilen müssen um jeden Preis vermieden werden, schließlich braucht man ja die zahlende Kundschaft, die sich nicht von kritischen Kommentaren oder Korruptionsskandalen abgeschreckt fühlen soll. Aber was ist die Lösung für den zweifelnden Endkunden? Halblegale Streams? Weiter leidenschaftlich auf die Barrikaden gehen, in dem Wissen, dass man die Entwicklung bestenfalls etwas verlangsamen kann? Oder sollte man einen Strich unter die Rechnung setzen und sich einfach andere Hobbys suchen? Diese Frage muss am Ende des Tages jeder für sich selbst beantworten.




LASK - Basel



Nach viel Planungsunsicherheit im Voraus, aufgrund der noch auszuspielenden Champions-League-Qualirunden und meinem doch sehr wählerischen Gusto in Sachen Spielpaarungen, setzte sich der FC Basel in der zweiten Qualifikationsrunde Dank der Auswärtstorregel knapp gegen PSV Eindhoven durch. Der nächste Gegner in runde Nummer drei war dadurch der Linzer Athletik-Sport-Klub und meine Hoffnungen auf ein Aufeinandertreffen beider Klubs in der altehrwürdigen Gugl wurden erfüllt. Gespannt verfolgte ich also das Hinspiel im TV und sah, wie sich motivierte Linzer einen 2:1-Auswärtssieg im St. Jakob-Park erkämpften. Die ein oder andere Fackel auf den Rängen und die Freundschaft des ASK zu den Young Boys Bern, die durch einige gelb-schwarze Fetzen nochmal etwas Brisanz in die Begegnung brachte, ließ die Vorfreude auf das wenige Tage später stattfindende Rückspiel größer werden. In der Donaustadt angekommen, versammelte sich schon recht früh ein beachtlicher Basler Mob am Hauptplatz vor dem Alten Rathaus und vertrieb sich die Zeit mit gemütlichem Gekicke und einem allgemein sehr harmonisch wirkendem Miteinander. Polizeilich blieben die Oberösterreicher auch cool und hielten sich im Hintergrund. Nur die Zivis wurden mit jeder Minute sichtlich nervöser, bis sich der Mob letztendlich zusammenraufte, die szenekundigen Beamten ihre Funkgeräte zückten und sich mit den Fans in Richtung Stadion aufmachten. Den freundlich gemeinten Warnhinweis ebenjener Ordnungsmacht, dass ich aus Sicherheitsgründen besser etwas mehr Abstand zum Marsch halten sollte, bestätigten die komplett in Weiß gekleideten Schweizer kurze Zeit später, als eine kleine Gruppe aufmüpfiger Heimanhänger auf der geplanten Route unsanfte Bekanntschaften machte. So richtig interessiert hat der Zwischenfall aber weder die Kieberer, noch die Handvoll Schaulustigen, die neben mir weiterhin aufmerksam das Geschehen verfolgten. Und das mit gutem Grund! Das melodisch-abwechslungreiche Liedgut sowie der geschlossene Auftritt der FCB-Fans machte einiges her. Im ausverkauften Linzer Stadion, in welchem erstmalig eine CL-Quali Begegnung stattfand, bereitete die Heimkurve eine Choreo vor, während der nicht ganz volle Gästesektor nach Ankunft in Rot und Blau beflaggt wurde. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Linz City Group, mündete die zweiteilige Choreografie unter dem Motto 'Niemand kann uns stoppen' in einer ansehnlichen Pyroshow. Mehrere Bengalos und schwarzer Rauch vernebelten das Rund folglich auf der einen Seite, zum Outfit passende, weiße Fackeln taten ihr Übriges auf der anderen Seite. Zwischen Fahnen in den Vereinsfarben gefiel mir das Intro der Gäste optisch besser, wobei die Hausherren akustisch die Hosen anhatten. Und die euphorische Stimmung schien auch auf die Mannschaft überzuschwappen, die sich von den vielen Chancen des Vertreters aus dem Nordwesten der Schweiz im ersten Abschnitt nicht aus der Ruhe bringen ließ. Mit der Führung für den LASK nach einer knappen Stunde änderte sich an der Ausgangssituation dennoch nicht viel, weil die Gäste für ein mögliches weiterkommen sowieso zwei oder mehr Tore erzielen mussten. Zehn Minuten vor Schluss belohnte sich die Elf aus dem Nachbarland dann tatsächlich mit dem Ausgleich, der rote Lichter und Glauben in den Auswärtssektor brachte. Die Chance auf eine mögliche Verlängerung hielt aber nur neun kurze Minuten, weil die Gastgeber mit zwei Toren gegen Ende der Partie den Deckel draufmachten. Freude und Enttäuschung sind im Fußball bekanntlich nur eine veränderbare Momentaufnahme, die mich in diesem Fall mit Bildern wütender Basler und feiernder Linzer zurückließ...




Regen hier, Pyro da



An einem Montag, mitten in der Prüfungsphase, bahnten wir uns zu viert einen Weg durchs regnerische Nirgendwo hinter der deutsch-tschechischen Grenze. Die wetterbedingte Weltuntergangsstimmung hatte bei der Ankunft in Budweis dann ihren Höhepunkt, als uns Platzregen und Blitzschläge die 50 Meter Luftlinie zum Stadion erschwerten und obendrein in akute Angstzustände versetzten. Aber nicht weil wir keine Regenjacke dabei hatten, sondern weil das Gewitter eine Spielabsage provozierte. Zu unserem Glück füllte sich das Stadion Střelecký ostrov mit der Zeit allmählich und auch die Spieler begannen das Leder mühsam in den Pfützen hin und her zu schieben. Kurz vor Anpfiff war dann nahezu jeder Platz besetzt und der frischgebackene Aufsteiger, samt seiner kleinen Szene, war bereit den Favoriten Sparta aus der Landeshauptstadt zu ärgern. Letzterer brachte einen, mit 350 Schlachtenbummlern gefüllten, Gästeblock mit. Die Fans stellten den Support aber vorerst hinten an und stritten sich anfangs mit den Ordnern um einen geeigneten Platz für die Zaunfahnen, ehe sie sich gegenseitig an den Kragen gingen. Unterdessen trug die eigene Mannschaft ihren Teil zum misslungenen Auftakt bei, indem sie sich zwei Tore einfing und mit in die Halbzeitpause nahm. Nach Wiederanpfiff wurde es sowohl spielerisch als auch auf den Rängen interessant. Der Heimmob startete mit einer Blockfahne, die Gastmannschaft mit einem sehenswerten Anschlusstreffer. Kurz darauf wurde es wieder hektisch im Sektor der Gäste. Security, Ordner und Cops setzten einen Fuß in den Block, weil sich eine Handvoll Rotshirts seelenruhig in einem mit Zaunfahnen abgedeckten Bereich die Sturmhauben über die Köpfe zog. Der Capo ließ seinen Blick dauerhaft zwischen seinen Mitstreitern und dem Sicherheitsdienst schweifen. Als sich immer mehr Ordner auf den Treppen wiederfanden, haben wir die Szenerie schon eskalieren sehen. Plötzlich blieben die Warnwesten aber auf halber Strecke stehen und sahen zu, wie sich ein Dutzend vermummter Gestalten im rechten Teil des Sektors verteile. Während die nächsten Minuten mit Fackeln und Rauchschwaden gefüllt wurden, setzte Sparta mit dem 2:2 auch auf dem Rasen den Schlusspunkt eines gelungenen Ausflugs!




Eine sportlich-politische Grenze?



In Amerika sorgen die Geschehnisse um George Floyd, der im Mai von Polizisten in Minneapolis ermordet wurde, aktuell für eine längst überfällige Auffrischung des Diskurses um Rassismus und Polizeigewalt. Die Debatte mündete in den vergangenen Tagen in landesweiten Protesten sowie globalen Solidaritätsbekundungen, die auch vor der Sportwelt keinen Halt machen. Unter anderem beteiligten sich einige Bundesligastars und setzten mittels des allseits bekannten Kniefalls als Torjubel, Armbinden und Shirts samt anteilnehmenden Botschaften ein Zeichen gegen die Unterdrückung von Afroamerikanern. Man könnte meinen, der deutsche Fußballbund sei dankbar oder gar stolz auf derartige Aktionen, die in Zeiten einer fragwürdigen Wiederaufnahme des Spielbetriebs an die Zuschauer durchsickern und wie von selbst einen positiven Eindruck hinterlassen. Stattdessen prüfte der Kontrollausschuss den Sachverhalt, weil politische Botschaften auf der Spielkleidung nicht erlaubt sind und demnach im Normalfall Strafen nach sich ziehen. Da stellt sich automatisch die Frage nach der Existenz und Ernsthaftigkeit politischer Verflechtungen im Fußballkosmos. Noch zu Beginn des Jahres applaudierten korrupte Funktionäre, schmierige Moderatoren und ein Teil der anwesenden Zuschauer, als sich die Spieler von Hoffenheim und Bayern München nach beleidigenden Plakaten gegen den Mäzen Dietmar Hopp solidarisch zeigten und die Partie mit symbolischem Standfußball zu Ende brachten. Wie kann es dann sein, dass man bei antirassistischen Aussagen über Sanktionen nachdenken muss? Hat ein milliardenschwerer Investor mehr Rechte als Andere? Wo und warum steckt man sich hier regelmäßig seine eigene politische Grenze? Die Antwort scheint genauso offensichtlich wie armselig. Der ehemalige Volkssport entfernt sich seit Jahren stetig von seinen Wurzeln, während sich die Branche das drohende Imageproblem durch doppelmoralische sowie finanzgesteuerte Handlungen weiterhin schönredet. Dabei sollten Kurven, Klubs und Verbände allmählich lernen, sich von dem Gedanken einer politikfreien Sportart schlichtweg zu verabschieden. Der Fußball besteht längst nicht mehr nur aus einer Handvoll Menschen auf einem Stück Rasen, die fröhlich gegen das runde Leder kicken. Der Sport hat sich, wohl oder übel, zu einem internationalen Milliardengeschäft mit einem Milliardenpublikum entwickelt. Umso wichtiger ist der Versuch die Kombination aus Sport und Politik in einen anderen, ehrlicheren Kontext zu bringen und in diversen Bereichen eine öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung voranzutreiben, die im Idealfall zu einem moralisch vertretbaren Ergebnis führt und nicht darin endet, dass Dollarnoten den gesunden Menschenverstand leichtsinnigerweise ausknipsen.




Sturm Graz - Austria Wien



Seit der Saison 2018/19 spielt man in der ersten Österreichischen Liga nach einem neuen Modus. Zwölf, anstatt bislang zehn, Mannschaften kämpfen nun in 22 Meisterschaftsrunden um einen Platz unter den ersten sechs, ehe die Tabelle in eine Meister- und eine Abstiegsgruppe geteilt wird. Umso spannender war die Ausgangslage vor der Partie von Sturm Graz gegen Austria Wien am 22. Spieltag: Die Gastgeber mussten auf Sieg spielen, um die Meistergruppe noch zu erreichen. Nach einem etwas gut gemeintem Spaziergang mit meiner besseren Hälfte, erreichten wir das Stadion erst etwa eine halbe Stunde vor Anpfiff. Eine Horde an schwarz-weiß gekleideten Fans vergriff sich vor den Toren an massig Speis und Trank und sorgte damit bereits weit vor Spielbeginn für eine ausgelassene Stimmung. Die Ultras des SK Sturm legten auch zeitig los und bereiteten passend zum St. Patrick's Day eine Choreografie unter dem Motto 'fight irish – gwinnt's steirisch' vor. Dazu wurden weiße Bengalos gezündet. Auch auf der gegenüberliegenden Seite brannten Rauchtöpfe und Fackeln vor dem Spruchband '108 Jahre Austria Wien – Alles Gute unserem Team'. Nach diesem fulminanten Auftakt und einer weiterhin gut aufgelegten Heimkurve, sorgten ein paar übermotivierte Zuschauer in den Reihen vor uns für Unterhaltung. Ohne ersichtlichen Grund flogen dort ein paar volle Becher in Richtung Spielfeld. Blöd nur, dass sich der polizeiliche Überwachungsraum drei Meter hinter der Bagage befindet, die Cops dementsprechend keine zwei Minuten später einmarschierten und nach und nach die üblichen Verdächtigen aus dem Sektor zog. Zum spielerischen Geschehen kann ich nur meinen Sitznachbarn zitieren, der nach einer jämmerlich vergebenen Großchance seiner Grazer die Worte 'Ja bist du deppert, mir san a Blamage' verlor. Doch das Heimteam kam in Überzahl letztendlich doch noch zum erhofften Torerfolg, wobei erneut zahlreiche Lichter das Stadion erleuchteten.




Wir fahr'n gern zu den Tschechen



In der tschechischen Hauptstadt wartete das Highlightspiel Slavia Prag gegen Banik Ostrava auf uns. Die Fans der Gäste sorgten schon ein paar Tage vor Anpfiff mit dem Aufruf 'Alle in schwarz' für Aufsehen. Selbigen folgten fast alle, sodass bereits im Einkaufszentrum gegenüber der Arena einige Brocken mit schwarzblauen Pullis ausfindig gemacht werden konnten. Im Stadion angekommen, sagte die Sonne kurz Hallo, ließ einen Regenbogen da und verschwand dann leider wieder. So viel Pech wir mit dem Wetter hatten, so viel Glück hatten wir mit dem Spiel. Was die Heimkurve betrifft, bin ich ohne große Erwartungen in die Begegnung gegangen und wurde komplett überwältigt. Von Beginn an kratzte die Mitmachquote an den 100% und die Lautstärke wusste auch zu überzeugen. Obendrein zeigte die Tribuna Sever im Verlauf des Spiels zwei große Choreografien inklusive passenden Rauchsignalen. Gerade weil ein paar Tage später das wichtige Rückspiel im Achtelfinale der Europa League gegen Sevilla anstand, bei dem die Truppe ebenfalls eine Choreo über mehrere Ränge vorbereitet hat, hätte ich nicht mit einem derart glänzenden Auftritt gerechnet. In der Ecke füllte sich der Gästesektor dagegen nur sehr langsam und schien erst Anfang der zweiten Hälfte mit den letztendlich rund tausend Chachaři gefüllt zu sein. Unterstützt von einer scheinbar neunköpfigen GieKSy-Delegation, legten die Osttschechen einen stabilen Auftritt hin. Die ersehnte Pyroshow ließ jedoch auf sich warten. Eventuell gab es Probleme am Einlass oder man spekulierte auf einen Torerfolg der eigenen Mannschaft. Die Hoffnung auf letzteres verflog aber spätestens, als ihr Keeper nach dem dritten Gegentor mit einer Wucht gegen den Torpfosten trat, dass sich der Otto Normalverbraucher wahrscheinlich mehrfach den Mittelfuß gebrochen hätte. Nichtsdestotrotz zogen sich kurz vor Schluss rund zwanzig Mann unter blau-weißen Fetzen ihre Sturmhauben über, verteilten sich im Block und rissen die Fackeln an. Dabei ging auch noch ein Slavia-Schal in Feuer auf. Spielerisch unterlag Ostrava den Hausherren schließlich verdient mit null zu vier Toren.




Hopperkasse



Jedes Wochenende stürmen Fußballfans zu Tausenden in die Stadien der Bundesrepublik. Dabei sind die Motive bei jedem anders. Wenn ich jedoch Geld für ein Fußballspiel ausgebe, gilt meine Aufmerksamkeit nicht dem Geschehen auf dem Rasen, sondern in erster Linie dem Spektakel auf den Rängen. Leidenschaftliche und laute Fans, alte Stadien und Stehplatztribünen, Tradition und Geschichte. Dafür investiere ich, wie dutzende andere Groundhopper, viel Zeit und Geld. Alles nur für den Fußball und seine Fankultur. Um Letztere in seiner reinsten Form auch öffentlichkeitswirksam zu bewerben, dokumentiere und veröffentliche ich die Ereignisse mit einer kleinen Digitalkamera. Das passt aber nicht jedem. Gerade in östlichen Gefilden ticken die Uhren noch anders. Lokale Fanszenen bedienen sich der Selbstjustiz, fangen bereits an den Stadiontoren willkürlich Besucher ab, verweisen sie des Platzes oder verlangen Schutzgeld. Ränge werden abgelaufen und soziale Medien gecheckt, um Leuten zu drohen, Handys abzunehmen und Daten von jenen festzuhalten, die als unpassend empfunden werden. Es herrscht rechtsfreier Raum. Wird man auserwählt, ist eine unfreiwillige Spende, die sogenannte Hopperkasse, oftmals der einzige Ausweg. Denn selbst wenn man petzen geht, kann man auf dem Weg zum Auto mit ungewollter Begleitung rechnen. Ich fasse also nochmal zusammen: Ich fahre an einem Wochenende mit meiner Freundin voller Vorfreude in die ehemalige DDR, schiebe einem unterklassigen insolvenzbedrohten Verein fünfzig Euro für zwei überteuerte Tickets in den Arsch und werde dafür im Anschluss von drei Läufern und ihren glatzköpfigen Idolen abgezogen, beschimpft und bedroht. Na schöne Scheiße! Im gleichen Atemzug in den eigenen Block zurückzuschlendern und ein Plakat gegen den sächsischen Überwachungsstaat hochzuhalten, hat den Vogel dann endgültig abgeschossen. Was den Leuten durch den Kopf geht ist mir fraglich. Wer glaubt, dadurch landen keine Fotos der eigenen Szene im Netz, hat wahrscheinlich die fleißigen Journalisten vergessen, die ohne nachfragen zu müssen mit einer weitaus besseren Kamera in die Menschenmenge halten.




Jena - Karlsruhe



Noch einmal das Ernst-Abbe-Sportfeld sehen und erleben, bevor der Umbau droht und die nächste altehrwürdige Perle einem modernisierten Neubau weichen muss. Dieses Ziel wurde gegen den KSC erfüllt. Wirklich Schade, dass die Arena auf kurz oder lang ersetzt wird und obendrein die Südkurve, trotz andauerndem Engagement der Jenaer Fanszene, voraussichtlich nicht erhalten bleibt. Mangels Talents an Zeitmanagement hörten wir den Anpfiff der Partie schon beim Kartenkauf. Zu allem Überfluss wurde mein Ticket am Blockeingang im wahrsten Sinne des Wortes nochmal vom Winde verweht, sodass ich diesem erst wie ein Trottel nachlaufen musste, ehe wir endlich in Block L Platz nehmen konnten. Die Südkurve um die Horda Azzurro war heute gut aufgelegt. Nicht zuletzt dank der zahlreichen Ansagen des Capos, der durchaus harte aber passende und vor allem wirkungsvolle Worte an seine Mitstreiter richten konnte, legten die Blau-Gelb-Weißen einen soliden Auftritt in Sachen Support hin. Etwas Rauch, der leider zeitversetzt gezündet wurde, rundete das Gesamtbild ab. Der optisch passende, dunkelblaue Gästeblock konnte dagegen nur mäßig überzeugen. Mag vielleicht auch an meiner Position im Stadion gelegen haben, aber akustisch kam nicht viel an. Ohne den Auftritt der Badenser verteidigen zu wollen, stelle ich mir die Position direkt neben der Heimkurve aber auch etwas gewöhnungsbedürftig vor. Leider stand ich noch nie im Gästeblock von Jena oder Rostock, weshalb ich nicht einschätzen kann wie verwirrend ein motivierter Mob ist, der dich ständig unterbricht und dabei auch noch frech in die Augen schaut. Hat sicher was, könnte aber auf Dauer auch einfach ultra nerven. Kein Wunder, dass da früher oder später der ein oder andere die Fassung verliert und den Weg auf den Zaun sucht. Ein leistungsgerechtes 1:1 auf dem Rasen half derweil weder den Karlsruhern im Aufstiegs- noch dem FCC im Abstiegskampf.




Finalderby



Ein slowenisches Pokalfinale, dass es so noch nie gab: NK Maribor gegen Olimpija Ljubljana in der Arena Z'dežele. Mit Celje wählte der nationale Verband zum Glück aller Beteiligten einen Standort, der für beide Fanszenen leicht erreichbar ist. Am Tag des Endspiels ließ Zeus jedoch keine Gnade walten und sorgte mit verregneten fünfzehn Grad nicht gerade für Freudensprünge. Das Bier südlich von Österreich schmeckt aber auch, also ließen wir uns in einer Bar nieder, aus der wir zwei Stunden vor Anpfiff den spazierend-musternden Mob um die Viole Maribor erspähen könnten. Allmählich bekam sogar meine bessere Hälfte Bock auf das Spektakel, sodass wir kurz darauf folgten. Der Spielort ist für jeden Fußballromantiker eine Augenweide und versprüht durch seine zwei überdachten und zwei offenen Tribünen einen ganz besonderen Charme. Auf der von uns aus gesehen linken Seite leiteten die Fans von Olimpija die Partie unter dem Motto 'Wir kämpfen für Olimpija – Wir leben für Olimpija' ein, rechts trug die Mehrheit lila-weiße Ponchos. Auf dem Platz gingen die Jungs aus der Hauptstadt in Führung, stimmungstechnisch dominierte aber der lila Sektor. In Halbzeit zwei bestätigte Maribor den Auftritt mit einer fetten Pyroeinlage, wobei auch einige grüne Fetzen draufgingen. Gegenüber antwortete man ebenfalls mit präsentiertem Material, das vier vermummte Gestalten mitsamt einem Sitz den Flammen überließen. Zum zweiten Gegentor leuchtete es erneut, und diesmal richtig! Der komplette violette Sektor war verraucht, das Spiel unterbrochen, die Wurfrollen am Brennen und der Feuerwehrmann im Dauereinsatz. Keine zwei Minuten vergingen und die Gegenseite warf nun eine Handvoll grüner Fackeln auf den Rasen, später auch in den Nachbarblock, woraufhin die Exekutive kurzum nach dem Rechten sah. Es blieb jedoch einigermaßen ruhig, bis Maribor in der Nachspielzeit zum Anschlusstreffer kam und ich stehend unter den 8.623 Zuschauern auf eine Verlängerung hoffte. Soweit kam es aber nicht mehr und der Traum vom Double war geplatzt. Unterdessen feierten die Spieler aus Ljubljana den Pokalsieg mit Fackeln und Blinkern vor der eigenen Kurve, sieht man auch nicht alle Tage!




Unter Freunden



Länderspielpause heißt mal wieder was für die Uni zu machen, Familie besuchen, Haushalt schmeißen oder die verstaubte PlayStation reanimieren, um eine gute alte Partie FIFA 13 zu zocken. Ich bin nicht auf dem aktuellen Stand, ich weiß. Diesmal sollte aber auch realer Fußball eine Rolle spielen. Ein von Fanszenen organisiertes Testspiel in Linz warf seine Schatten voraus. Die Mannen des SSV Jahn gastierten im altehrwürdigen Donauparkstadion. Der 0:2 Auswärtssieg der Domstädter rückte dabei eher in den Hintergrund. Stattdessen begeisterte das Pyrospektakel des rund 100 Mann starken Mobs, bestehend aus Blauen Bombern der Stuttgarter Kickers, Blauhelmen vom Blau-Weiß Linz und Ultras aus Regensburg. Bei Käsekrainer mit Kartoffelsalat und geschmeidigen 20 Grad ließen wir letzten Endes zu fünft das Festival aus Rauchtöpfen, Blinkern, Raketen und Bengalos auf uns wirken. Neben zwei großen Intros und den dazu passenden Pyroshows, wurde auch während des Spiels praktisch durchgehend gezündelt. Zwar wurde die Partie deswegen einmal kurz unterbrochen, dennoch war die Atmosphäre recht locker und jeder wollte einfach einen entspannten Fußballnachmittag genießen. Der Support wusste ebenfalls zu überzeugen. Größtenteils waren es gruppenübergreifende Lieder, ab und an auch vereinsbezogene. Unterm Strich stabil, auch wenn mir die Anzahl an Österreichern im Block verhältnismäßig gering vorkam. Als runden Abschluss überreichte die Regensburger Mannschaft den Fans noch ein Geschenk zum 15-jährigen Bestehen der Blauhelme Linz in Gestalt eines passend bedruckten Trikots. Das Gruppenfoto durfte natürlich auch nicht fehlen. Mit Sonnenuntergang reiste die eine Hälfte nach Abpfiff zum nächsten Spiel nach Wallern, während der Rest den Tag mit einem Eis an der Donau ausklingen ließ.




Maribor - Rangers



Im Rahmen der Europa-Legaue Qualifikation kündigte sich in Maribor britischer Besuch in Form trinkmotivierter Anhänger der Glasgow Rangers an. Kaum angekommen, versammelten sich schon mittags einige Schotten am Hauptplatz. Unzählige Fahnen, laute Musik und reichlich Gerstensaft aus eigens mitgebrachten 10-Liter Fässern. Da war der ein oder andere schon voller als das Postfach vom DFB nach der Cornflakes-Aktion. Gegen Abend zögerte sich der Marsch zum Stadion lange hinaus. Kurz bevor die ersten Bierbauch-Ultras Radau machen konnten, ging es eine gute Stunde später endlich los und der Haufen, angeführt von den Union Bears, verließ den zugemüllten Platz im Stechschritt. Der Tunnelblick war aktiviert und Bullen sowie Fans schaukelten sich gegenseitig hoch. Es dauerte keine zwei Minuten, bis die ersten Gegenstände flogen. Eine Abbiegung später flogen dann auch die Fäuste. Der Helikopter kam immer tiefer und die Staatsmacht stoppte die Schotten, wobei ein paar in die mobile Zelle wanderten. Mit Ansage! Die erhoffte Aufholjagd des 1:3 Hinspielrückstands leitete die Viole Maribor mit einer Choreo unter dem Motto 'The Flower of Slovenia' ein. Die Stimmung im vollen Ljudski vrt war fortan bombastisch. Nahezu alle standen und peitschten ihre Mannschaft nach vorne. Nur die Tore fehlten. Die Jungs in violett konnten ihre Chancen nicht verwerten. Während sich das Team der Gäste auch in der zweiten Hälfte voll aufs Verteidigen konzentrierte, wanderten die Blicke der Zuschauer in die Heimkurve. Eine Handvoll vermummter Gestalten präsentierte erbeutetes Material und fackelte es teilweise ab. Den Auftritt der Gäste im Stadion kann man unter 'Ausnüchterung und mentale Vorbereitung auf eine lange Heimreise' abstempeln. Dementsprechend verhalten waren die sporadischen Anfeuerungsrufe. Nachdem das Spiel auf dem Rasen leider nicht mehr spannend wurde, konnten die Rangers mit einem torlosen Remis das Weiterkommen in die vierte und damit letzte Qualifikationsrunde feiern.




Selbstzerstörung



Die voranschreitende Kommerzialisierung unserer Sportart ist nichts Neues. Jeder Verein hat und braucht mittlerweile Sponsoren, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der Stadionname, Anteile des Vereins, Quadratzentimeter der Trikots und das Halbzeitprogramm werden verkauft. Da kümmern die bunt blinkenden Werbebanden im Stadion schon fast keinen mehr. Unter diesem scheinbar unvermeidbaren Streit um die dickste Hose leidet am Ende der Stadionbesucher. Könnte ich mir aussuchen, ob ich ein Spiel meines Vereins gegen eine Mannschaft um Neymar, Ronaldo oder Messi sehen könnte, wobei das Ticket 120€ kostet und die passende Partie dazu unter der Woche stattfindet, oder ein Lokalderby auswärts für nen Zehner, würde ich mich eindeutig für Letzteres entscheiden. Einige von euch wahrscheinlich auch. Interessiert aber halt keinen. Ein Großteil der Couchkartoffeln zahlt eben den Preis, egal ob PayTV oder wenn's gut läuft VIP-Platz, um eine 300 Millionen Euro teure Fresse aus nächster Nähe begutachten zu können. In Deutschland haben wir das Glück über eine sehr große und willensstarke Fanlandschaft zu verfügen, die im Stande ist, diese Entwicklung ein wenig zu verlangsamen. Dank aktiver Gruppen rund um die Ultràszene ist es möglich, ligaübergreifende Protestspieltage zu organisieren und unseren Unmut medial wirksam zu äußern. Sei es gegen die weitere Zerstückelung der Spieltage, die Kriminalisierung von Fußballfans oder den Erhalt der Stehplatzkurven. Wirtschaftlich orientierten BWL-Absolventen beim deutschen Fußballbund sind wir meist Dorn im Auge, den sie noch akzeptieren müssen. Es bleibt abzuwarten, ob nicht vielleicht doch früher oder später irgendjemand begreift, wie wichtig eine bunte und leidenschaftliche Fankultur für den nationalen Ligabetrieb wirklich ist. Bis dahin bleiben wir weitgehend Vermarktungspotential auf der einen, und Gewaltverbrecher auf der anderen Seite.




Fußballgraffiti



Illegale Malereien gewinnen als Mittel zur Beanspruchung von Hoheitsgebieten innerhalb der Fanszenen mehr und mehr an Relevanz. Somit entwickelte sich Graffiti über die letzten Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil der Ultràkultur. Mittlerweile zählt wohl so gut wie jedes Team der ersten drei Ligen eine Handvoll sogenannter Problemfans in ihren Reihen, die regelmäßig mit Markern, Aufklebern und Dosen vorwiegend den öffentlichen Raum als Leinwand nutzen. Die Bilder sind dabei optisch meist in simplen Blockbuchstaben und den Vereinsfarben gehalten. Was in der Sprüherszene teils belächelt wird, dient schlichtweg der gewollten Leserlichkeit. Die Abneigung von eingefleischten Trainwritern und Streetbombern gegenüber Äquivalenten mit Fußballbezug ist aber nicht der Regelfall. Beide Kulturen weisen bei genauerer Betrachtung nämlich einige Gemeinsamkeiten auf. Neben dem Hang zur Grenzüberschreitung und einem Faible für illegale Aktivitäten, leiden beide unter einem extremen Verfolgungsdruck und damit einhergehenden Repressalien. Trotzdem bestehen die Jugendkulturen nach wie vor. Ein Zeichen von Willenskraft und Fanatismus sich nicht unterkriegen zu lassen und dem Drang nach kreativer Selbstverwirklichung weiterhin nachzugehen. Egal ob nachts um vier Uhr der Wecker klingelt, weil man durch U-Bahn-Schächte kriecht oder sich auf eine achtstündige Auswärtsfahrt vorbereitet. Die radikale Art und Weise bleibt dieselbe. Nichtsdestotrotz gibt es auch Unterschiede. In den Kurven dieser Welt herrscht eine klare hierarchische Ordnung mit strikten Verhaltensregeln. Graffiti hingegen ist einfach da. Mach es allein oder mit Freunden. Egal wann, egal wie, egal wo. Graffiti bedeutet Freiheit mit Adrenalinkick und indirektem Überwachungsdruck. Ultrà bedeutet religionsähnliche Hingabe einer kommerziell orientierten Sportart. Ultrà steht demnach mehr im Fokus, ist verwundbarer und muss gesamtgesellschaftlich mehr Gegenwehr leisten.




Dynamoinvasion



Diversen Medienberichten zufolge sollten sich über 20.000 Sachsen auf den Weg in die bayerische Landeshauptstadt machen, um in der Arena zu Fröttmaning ihre SGD beim Spiel gegen die Sechzger zu unterstützen. Sicherlich wohnt davon auch der ein oder andere im Süden, dennoch kann man diese Invasion keineswegs kleinreden. Perfekte Bedingungen also für Schwarzgelb. Anders bei den Löwen. Hatten sich erst in den vergangenen Wochen die beiden Ultrà-Gruppen der Blauen aufgelöst, droht nun der Investor Ismaik an der 50+1 Regel zu schrauben. Außerdem lässt der sportliche Erfolg auch gemütlich auf sich warten. Bei Minusgraden sollte sich das heute ändern. Während die Hintertortribüne gähnend leer war, versammelte sich im Mittelrang ein 250 Mann starker, unorganisierter und schwarz gekleideter Mob, der regelmäßig mit einem kollektiven 'scheiß Dynamo' auf sich aufmerksam machte. Zwar erreichte der Schlachtruf eine ordentliche Lautstärke, bei der Übermacht an Gästefans wirkte deren Antwort jedoch wie ein Tsunami aus akustischen Ohrfeigen. Ein netter Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Im Anschluss an die Schweigeminute für die Opfer des Flugzeugabsturzes in Brasilien, konnte eine noch lautere Hüpfaktion, gefolgt von brachialen Klatscheinlagen, mehr als überzeugen. Selbst die Löwenfans starrten mit offener Kinnlade auf dieses Spektakel. Es wurde aber noch besser. Fasziniert davon, wie Lehmi es schaffte die Masse zu dirigieren, wurden die Wechselgesänge über alle drei Ränge nahezu perfekt umgesetzt. Es fehlte nur ein Treffer, um diesen Nachmittag abzurunden. Dagegen wehrten sich jedoch die Spieler. Nach einer durchwachsenen ersten Hälfte mit vielen Fehlpässen, vergaben die Jungs von der Elbe eine Handvoll hundertprozentiger Torchancen. Wie der Fußball manchmal so ist, erzielte dann 1860 kurz vor Ende der Begegnung den Siegtreffer. Der provisorische Mittelranghaufen aus München feierte das Endresultat mit passenden 'Auswärtssieg' Parolen. Im Zug stolperten mir später einige Dynamos entgegen, bei deren Pegel ich mir fast sicher bin, dass mindestens einer seine Äuglein erst jenseits der Landesgrenzen unserer Bundesrepublik wieder aufbekam.




Atalanta - Lazio



Modena und Mailand hinter mir gelassen, verschlug es mich nach Bergamo. Dort suchte ich am Matchday zwischen Atalanta und Lazio zum Auftakt der Serie A schon am Nachmittag das 'Stadio Atleti Azzurri d’Italia' auf, um unnötige Wartezeiten am Abend zu vermeiden. Das klappte auch reibungslos, sodass ich etwa eine Stunde vor Spielbeginn entspannt mit einem Bierchen in der Hand die ersten Ragazzi bei der Montage ihrer Zaunfahnen beobachten konnte. Der Ball rollte und die Curva Nord zeigte ein ansehnliches Intro unter dem Spruch 'Insieme da sempre insieme per sempre'. Zudem schallte des Öfteren 'Lazio, Lazio vaffanculo' oder 'Olé, olé olé olé, Lazio merda' durch das Stadion. Klassiker! Der Anhang aus der Hauptstadt, bestehend aus etwa 300 Leuten, fing dagegen erst zur 15. Spielminute mit dem Support an. Leider konnte sich der Haufen nur unregelmäßig Gehör verschaffen. Da hätte ich definitiv etwas mehr erwartet, auch wenn das Fandasein eines Römers momentan sicherlich alles andere als einfach ist. Durch den Ex-Dortmunder Ciro Immobile gingen die Gäste in Führung, wodurch die Fans um die Irriducibili ein wenig in Schwung kamen. Auch die Tore Nummer zwei und drei für die Biancocelesti taten der Stimmung im Gästeblock gut. Bis zur Pause folgten Lattentreffer auf beiden Seiten, ein Abseitstor sowie diverse Verletzungsunterbrechungen. Man hatte definitiv nicht das Gefühl, dass dieses Spiel schon gelaufen wäre. Und so kam es auch, dass Atalanta durch einen Doppelpack von Franck Yannick Kessié wieder in die Partie fand. Infolgedessen sah man die Heimkurve wieder blinken und es entwickelte sich ein Spiel auf ein Tor, in dem der Ausgleich nur eine Frage der Zeit zu sein schien. Der Fußballgott wollte aber Lazio siegen sehen, die mit einem Konter in der 88. Minute für die Entscheidung sorgten. Da brachte auch der erneute Anschlusstreffer in der Nachspielzeit nichts mehr und der hochdramatische Saisonauftakt endete damit 3:4. Mamma mia!




Wiener Derby



Aufgrund einer rund 42 Millionen Euro teuren Modernisierung des ehemaligen Franz-Horr-Stadions, lud das Ernst-Happel-Stadion zum Wiener Stadtderby ein. Im Vorfeld wurde vonseiten der Ultras Rapid ein Treffpunkt ausgerufen. Auch ich wollte mir das Spektakel nicht entgehen lassen und fand mich pünktlich am Riesenrad ein. Beim Corteo wurde massenhaft Pyrotechnik abgebrannt, darunter ohrenbetäubende Böller, die bei einem Großteil der Passanten zwar für Kopfschütteln oder gar Angstzustände sorgten, das mächtige Gesamtbild des Mobs aber stimmig abrundeten. Sonst verlief alles, wegen der Begleitung einiger Polizisten, wie erwartet ruhig ab. Den Gästesektor beflaggt, konnte man die Anwesenheit von Freunden aus Nürnberg, Athen, Kloten und Budapest ausmachen. In einer sehr spärlich besetzten Heimkurve beschäftigte man sich derweil mit einem großen Choreo-Banner mit der Aufschrift: 'Haut euch rein, heut' noch mehr... für unser violettes Fahnenmeer'. Zu ebendiesem gab es farblich passende Ponchos und etwas lilaweißen Rauch zu sehen. Der Anhang aus Hütteldorf zeigte zu Spielbeginn ein Zettelintro, bevor ein paar Sekunden später das Feuerwerk eröffnet wurde und sein großes Finale in einer gruppenübergreifenden Fackelorgie mit Anbruch der Rapid-Viertelstunde fand. Die Heimseite der Austrianer feierte unterdessen zum Wiederanpfiff das 20-jährige Bestehen der Truppe Alcatraz mit einem zweiten Fahnenmeer. Kurz darauf begann es auf den Rängen zu knistern, als violette Fans in der 80. Minute den Gästeanhang mit deutlichen Gesten provozierten. An sich nichts Außergewöhnliches, jedoch ließen sich circa 30 sportliche Rapidler nicht zweimal bitten und marschierten mit Sturmhauben ausgestattet in Richtung Widersacher. Es folgte eine unübersichtliche Auseinandersetzung, ehe die Hobbyboxer wieder von ihrer Exkursion heimkehrten. Die Kiberei hatte offensichtlich gerade Mittagspause, anders kann ich mir den deutlich verspäteten Einsatz nicht erklären. Schick sah es allemal aus, wie die Staatsdiener in Vollmontur über den Zaun krochen. Eine aufregende Situation und zugleich der Schlusspfiff meines ersten Wiener Derbys, das der SCR verdient mit 4:1 gewinnen konnte.




Ein Tag mit den SSU



In den Räumlichkeiten der 'Silver State Ultras' vom malaysischen Verein Perak FA, stellte mir meine Kontaktperson die Gruppe vor. Mit der Zeit bildete sich eine große gemütliche Gesprächsrunde, in welcher ich ohne weiteres die vielen Fragen über deutsche Ultras beantwortete. Gegen drei Uhr nachmittags ging es mit dem Haufen in das nur einen Steinwurf entfernte 'Stadium Perak', um mit den Vorbereitungen für die geplante Choreo zu beginnen. Vor dem Bau der Schüssel im Jahr 1965, nutzte man den Standort als Gefängnis. In den nachfolgenden Jahren wurde die Arena für bestimmte Events immer wieder renoviert, sodass sich an diesem stürmischen Tag 42,500 Menschen versammeln konnten, um das Halbfinalrückspiel im FA Cup gegen PKNS zu verfolgen. Von bösen Blicken über fassungslose Gesichtsausdrücke mit offener Kinnlade bis hin zu einigen Anfragen für ein Selfie zog ich als einziges Weißbrot unter den tausenden Zuschauern ungewollt Aufmerksamkeit auf mich. Eine anfangs unangenehme, mit der Zeit aber ebenso amüsante Situation. Kurz vor Anpfiff wurden neben der hauptsächlichen Choreo, welche die Jahreszahlen der beiden Titelgewinne darstellte, auch zwei Blockfahnen in den Vereinsfarben durchs Stadion gereicht. Nach dem relativ frühen 0:1 für die Gäste, belohnte die Heimelf in der zweiten Hälfte ihre enthusiastischen Fans in einer völlig überfüllten Arena mit dem Ausgleich, der für den Endspieleinzug gereicht hätte. In der 69. Minute schlug PKNS zur Freude ihrer rund 200 anwesenden Anhänger aber erneut eiskalt zu. Obwohl Perak in der Nachspielzeit noch die Riesenchance auf die Verlängerung hatte, blieb es letzten Endes beim 1:2. Die Finalträume waren somit geplatzt und dutzende Becher sowie Sitzschalen flogen in den Innenraum, woraufhin die Cops vermehrt Präsenz zeigten. Auch die aktive Szene schaltete sich ein, weil sie trotz einer Niederlage hinter ihrem Club steht und das Team feiern statt beleidigen will. Mit der Rückkehr nach Kuala Lumpur endete einer der aufregendsten Tage meiner Reise, an dem ich nicht nur unglaublich liebenswürdige Menschen kennenlernen durfte, sondern auch einen tiefen Einblick in die Fankultur des Landes bekam.




Sydneyderby



Nach Neujahr in Melbourne trieb es mich gen Sydney, wo zum erst elften Mal im australischen Fußball das Stadtderby stattfinden sollte. Mit der Gründung der 'Western Sydney Wanderers' im Jahre 2012 bekam die Konfliktsituation zwischen der Postkartenregion im Osten der Metropole und dem multikulturellen westlichen Teil eine Bühne namens Fußball, auf der die Abneigung spürbar und emotional ausgelebt werden kann. Am Spieltag schlenderte ich im Spielort Parramatta, Heimat der WSW, zum Treffpunkt des angekündigten Marsches der rot-schwarzen Gastgeber und war vom ersten Trommelschlag an fasziniert. Melodische Lieder aus motivierten Kehlen, begleitet von Trompeten und einem leidenschaftlichen Vorsänger sowie eine anständige Anzahl an Rauchtöpfen prägten das Szenario. Dass diese Art von Support in Australien einzigartig ist, unterstrich die Anwesenheit unzähliger interessierter Journalisten. Auf den Rängen wurde der ankommende 'Red and Black Bloc' mit Pfiffen und Schmähgesängen aus dem bereits gefüllten Sektor des Sydney FC begrüßt, aus dem zu Beginn des Spiels orangefarbener Rauch emporstieg. Die Heimseite präsentierte unterdessen eine beeindruckende Choreo unter dem Motto 'If you played in heaven, I would die to watch you'. Auf dem Rasen ging es früh zur Sache und mit der Führung für die himmelblauen Gäste in der 22. Minute, konnte man die sonst akustisch unterlegene Ecke kurz vernehmen. Trotz des Rückstands schmetterten die heimischen Fans Klatscheinlagen und Wechselgesänge weiterhin in beeindruckender Lautstärke aufs Grün. Mit dem Ausgleich hüpften schließlich nahezu 19.000 fanatische Menschen mit dem Rücken zum Spielfeld. Sicherlich das stimmungstechnische Highlight an diesem Tag! Ein Ballgewinn wurde vom Publikum nun gefeiert wie die Meisterschaft und Bengalos erleuchteten das Stadion im Minutentakt. In der Nachspielzeit fand das Spiel dann doch noch einen Sieger, als der Ball zum 1:2 im Netz zappelte. Die Anhänger um 'The Cove' feierten ihr Team, ehe es im Arenaumfeld anscheinend noch zu kleineren Katz und Maus Spielchen mit der Schmier kam. Alles in allem ein gelungener Derbytag bei einem Stadtduell, das man nicht unterschätzen sollte.




Augsburg international



Europapokal in den Niederlanden! Auch im Schwabenland kam nach den ersten beiden Gruppenspielen langsam aber sicher Europapokaleuphorie auf, wodurch das begrenzte Kartenkontingent für die Partie in Alkmaar schnell zum Problem wurde. Während hunderte Fans leider umsonst vor der Geschäftsstelle kampierten, machte ich mich am frühen Donnerstag, befreit von jeglichen Ticketsorgen, mit einer Autoladung auf den Weg nach Nordholland. Angekommen am Hostel, suchten wir schnellstmöglich den Weg in die Innenstadt, wo sich der Gästehaufen gegen Nachmittag geschlossen am 'Kaasmarkt' versammelte. Vor dem Abmarsch lauschten wir bei bestem Wetter und mit guter Laune noch der Motivationsrede des Capos, ehe sich der komplett mit Fischerhüten ausgestattete Mob in Bewegung setzte. Viel Rauch, vereinzelte Bengalen und gut 1200 Fuggerstädter hinterließen einen bleibenden Eindruck. Das fanden wohl auch die Cops, welche mit Fahrrädern ausgestattet ihre Handykameras zückten und, zusammen mit den Anwohnern, praktisch dauerhaft Fotos knipsten. Augenblicke später quetschten wir uns am Stadioneingang über längeren Zeitraum durch ein einziges kleines Tor. Im Inneren ist die Arena recht klein und gemütlich, jedoch nichts Außergewöhnliches. Mit Spielbeginn zogen eine Handvoll Problemkinder in der ersten Reihe ihre Masken über und ließen die Fackeln zischen, welche den Gästeblock ohne Pfeifkonzert vom deutsch-holländischen Publikum erleuchteten. Top! Stimmungstechnisch berichteten die circa 300 Augsburger auf den Sitzplätzen der Haupttribüne von einer Überlegenheit unsererseits, weil die heimische 'Ben Side' über weite Strecken wenig hören ließ. Auf dem Rasen hatten wir diesmal zudem das nötige Glück, das uns in den ersten Europapokalspielen fehlte. Trotz weniger Chancen machte Piotr Trochowski kurz vor der Halbzeit ein Traumtor per Freistoß, welches den sowieso schon euphorisierten Schwabenanhang zum Durchdrehen brachte. Nach elektronischen Beats und deutschen Schlagern zur Pause, rettete unsere Elf den Vorsprung, nicht zuletzt dank unserem überragenden Schlussmann Marwin Hitz, über die Zeit und die ersten internationalen Punkte konnten gefeiert werden.